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Unbändig in ihrer Daseinsfreude

»Der Lebensrausch Anne Bonnys« im Acud Theater erzählt von mehr als der Piraterie - Robert Meyer über Stück und Inszenierung für Neues Deutschland vom 28.02.2008:

Aus welcher Perspektive vermittelt man das Leben der wohl berühmtesten Piratin? Manuela Grabowski empfindet auf der Bühne des Acud Theaters das Leben der Freibeuterin Anne Bonny auf ihre Art darstellerisch nach und entwirft dabei ein plastisches Bild der 1690 geborenen Rebellin.

Anne Bonny kam als uneheliches Kind eines Juristen und einer Dienstmagd in Irland zur Welt. Ihr Vater ging mit ihr nach South Carolina in Amerika und erwarb dort ein Vermögen. Seine Tochter, so die Überlieferung, sollte vornehm aufwachsen – in sanften Gefilden. Das Gegenteil trat ein. Grabowski fragt nicht klar nach Ursachen, nach lebensformenden Wechselbeziehungen und Spannungen, sie gibt unter der Regie von Thomas Maul, der auch den Text für das Stück schrieb, auf der Bühne des Acud der Figur Anne Bonny eine emotional greifbare Gestalt.

Das zu sehen macht Spaß, weil Manuela Grabowski das Gefühl vermittelt: »Ich bin Anne Bonny«. Aus dieser Identifikation heraus lässt die Schauspielerin das Bild einer Frau wachsen, die ihre tiefe Lust nach dem Leben wohl auch aufgrund gesellschaftlicher Rollenzwänge nur als Rebellin ausleben konnte.

Grabowski zeichnet den Lebensbogen der Freibeuterin von der Geburt in Irland bis zum Todesurteil nach, das offenbar nicht vollstreckt wurde, aber über ihr weiteres Leben ist nichts bekannt. Dabei präsentiert sie ein Geschöpf, das sich durch und durch ihrer Vorstellung von Freiheit verschrieben hat. Sie schlüpft in verschiedene Rollen. Gut spielt sie Bonny als Hafennutte. Zu aufgesetzt und pathetisch wirkt sie allerdings als Meeresgott, um den Lebens- und Vorstellungshintergrund Bonnys zu verdeutlichen, die mit nackten Brüsten in den Kampf gezogen sein soll.

Deutlich wird in dieser szenischen Erzählung auch der Nachteil der Piraterie. Da geht es um die langen Wartezeiten bis zum nächsten Kapern. Von starken Aggressionen der auf Beute wartenden Mannschaft sind diese Momente gekennzeichnet. Bonny muss sich dabei als Frau immer wieder beweisen und dabei sogar töten. Grabowski kommentiert dieses Verhalten der Freibeuterin ziemlich trocken und vertieft damit noch das Bild von Bonny, die sich nach einigen Beziehungen mit Männern in eine Frau verliebt, die als Mann verkleidet an Bord gekommen ist. So lässt sich »Der Lebensrausch Anne Bonnys« auch als eine Emanzipationsgeschichte sehen, die vielleicht einen fatalen Ausgang hatte. Der aber war den engen Regeln dieser Zeit geschuldet.

Heute bis 2.3., 20.30 Uhr, Acud Theater, Veteranenstraße 21, Mitte, Telefon 449 10 67, Karten kosten 10/8, mit Sozialticket 4 Euro