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Anna Wiesengrund über "Sex, Djihad und Despotie"

Über den Phallozentrismus und dessen Kritik

In dem 2010 erschienenen Band widmet sich Thomas Maul einer bislang unterbeleuchteten Facette islamischer Gesellschaften. Die sich gegen den arabischen Tribalismus in der von MuslimInnen bezeichneten Zeit der Unwissenheit (Djahiliya) durchsetzende islamische Gemeinschaft der Gläubigen um circa 700 n. Chr. entfaltete gegenüber den anderen zwei monotheistischen Religionen drei hervorzuhebende politische Aspekte: den Djihadismus, den Despotismus und den Phallozentrismus. Diese markieren auch heute noch, so Maul, den Kern islamischer Religionslehre und Rechtspraxis. Unter dem von Maul im Buch fokussierten Aspekt, dem Phallozentrismus, ist eine spezifische Form des Patriarchats zu verstehen, welche “die unmittelbare Abstimmung des patriarchalischen Systems auf die Bedürfnisse männlicher Potenz und Triebabfuhr materialistisch” faßt. Der Fokus ist nicht wahllos gesetzt, sondern ist der seit jeher zentralen Bedeutung der Sexualpolitik im Islam geschuldet. Deren innergesellschaftliche Bedeutung, aber auch deren Zusammenhang mit dem islamischen Terrorismus zu kritisieren, ist erklärtes Anliegen des Buches. Auf einer durch die Deutungshoheit der Fiqh-Orthodoxie vorgegebenen Grundlage, die den Koran, die Sunna (die gesammelten Aussprüche und überlieferten Taten Mohammeds) und die Scharia, das göttliche Gesetz, umfaßt, ermittelt der Autor jene phallozentrische und dem Islam zu Grunde liegende Spezifik und vermag damit – auch wenn die Quellenangaben streckenweise etwas dünn gesät sind – eine tiefreichende Analyse des islamischen Geschlechterverhältnisses vorzulegen. Mit dieser Bestimmung erklärt sich die mit der Moderne einsetzende Krise der Umma-Gemeinschaften nicht als eine von einzelnen FundamentalistInnen oder IslamistInnen vorgenommene Umdeutung des Islams, sondern als diesem innewohnend. Wer sich also für die Organisierung des Geschlechterverhältnisses im Islam interessiert, dem/der sei dieses Buch ans Herz gelegt. 

Aus: Unique. Zeitung der HochschülerInnenschaft der Universität Wien Nr. 5 (2011)