Mittwoch, 1. August 2018

Der Westen liegt im Abendland

Abendland-Apologie mit Trigger-Potential
Wenn die laut der po­li­ti­schen Klas­se aus der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ori­en­ta­li­sie­rung des Abend­lan­des zu zie­hen­de Lehre darin be­ste­hen soll, ihre Wie­der­ho­lung im Zei­chen des Islam zu för­dern, dann ist es höchs­te Zeit, den Kreuz­zug zu füh­ren, der 1933 ver­säumt wurde.


Über die Grenzen von Religionsfreiheit und Religionskritik


Schon Speng­lers Be­schwö­rungs­for­mel vom „Un­ter­gang des Abend­lan­des“ war zwei­deu­tig: War­nung vor De­ka­denz und kaum ver­hoh­le­ner Wunsch, dass es mit der jü­disch-christ­li­chen Zi­vi­li­sa­ti­on end­gül­tig ein Ende haben möge. Wo heute die Sprach­roh­re der Zi­vil­ge­sell­schaft „Re­li­gi­ons­frei­heit“ ins Feld füh­ren, um aus­ge­rech­net den Islam zu ho­fie­ren – die ein­zi­ge „Re­li­gi­on“ also, die jene Ver­in­ner­li­chung und Pri­va­ti­sie­rung des Glau­bens, die aus dem Be­kennt­nis eine Kon­fes­si­on macht, bis heute nicht nur nicht zu leis­ten ver­mag, son­dern ag­gres­siv ver­wei­gert –, herrscht er­neut Un­ter­gangs­be­sof­fen­heit Speng­ler’scher Art – schlecht ka­schiert mit der Be­haup­tung, ein bür­ger­li­ches Grund­recht zu ver­tei­di­gen, weil ge­ra­de die­ses ja dem Islam dazu dient, seine Ge­gen­ge­sell­schaft rechts­kon­form zu eta­blie­ren.

Dem of­fen­kun­di­gen Be­dürf­nis nach Selbstori­en­ta­li­sie­rung des Ok­zi­dents ist ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass keine Ver­tei­di­gung des Wes­tens ohne Ver­tei­di­gung des Abend­lan­des aus­kommt, weil west­li­cher Sä­ku­la­ris­mus und Ver­in­ner­li­chung des Glau­bens zur Pri­vat­sa­che der Ein­zel­nen Leis­tun­gen der gro­ßen abend­län­di­schen Re­li­gio­nen ge­we­sen sind, denen der Islam, für den Glau­bens­be­kennt­nis und bar­ba­ri­sche Tat zu­sam­men­fal­len, den Kampf an­sagt. Eben des­halb ist Is­lam­kri­tik keine Va­ri­an­te von Re­li­gi­ons­kri­tik, son­dern Ver­tei­di­gung jü­disch-christ­li­chen Den­kens und Le­bens gegen eine Form des Be­kennt­nis­ses, das es bis heute nicht dazu ge­bracht hat, Theo­lo­gie zu wer­den, das heißt: seine ei­ge­ne Be­schaf­fen­heit zum Ge­gen­stand von Re­fle­xi­on und Kri­tik zu er­he­ben.

Für das Kreuz als öffentliches Symbol

Die der­zeit vom po­li­ti­schen Main­stream ge­führ­ten De­bat­ten zum künf­ti­gen ge­sell­schaft­li­chen Um­gang mit dem Islam und sei­nen An­hän­gern ma­chen eines immer wie­der deut­lich: für Re­li­gi­ons­kri­tik im Sinne von Marx, Freud und Ador­no sind Linke – und das zu­se­hends ka­te­go­risch – nicht an­sprech­bar.
Die real exis­tie­ren­de Linke spal­tet sich in zwei Lager. Auf der einen Seite die­je­ni­gen, die es der is­la­mi­schen Re­li­gi­ons­aus­übung im Namen des An­ti­ras­sis­mus gar nicht be­quem genug ma­chen kön­nen, wobei der zur Schau ge­tra­ge­nen Is­la­mo­phi­lie ein aus­ge­präg­tes an­ti­christ­li­ches Res­sen­ti­ment kor­re­spon­diert, das auf eine ge­hö­ri­ge Por­ti­on Selbst­hass schlie­ßen lässt. Auf der an­de­ren Seite – und zu die­ser sind auch die so­ge­nann­ten Links­an­ti­deut­schen zu rech­nen – ste­hen Dorfat­he­is­ten, für wel­che der Lai­zis­mus die fort­ge­schrit­tens­te – also (zumal in Deutsch­land) erst noch zu ver­wirk­li­chen­de – Form der sä­ku­la­ren Tren­nung von Staat und Re­li­gi­on ist. Das be­deu­tet eine kon­se­quen­te Gleich­be­hand­lung und damit auch Gleich­set­zung aller Re­li­gio­nen und ihrer Sym­bo­le, ob man die abra­ha­mi­ti­schen Re­li­gio­nen vor dem Hin­ter­grund der völ­lig miss­ver­stan­de­nen Les­sing’schen Ring­pa­ra­bel eher (für was auch immer) glei­cher­ma­ßen grund­sätz­lich wert­schätzt oder eher als Zwangs­neu­ro­se, Aber­glau­be, Aus­druck von schwar­zer Päd­ago­gik usw. glei­cher­ma­ßen grund­sätz­lich be­arg­wöhnt. Prak­ti­sche Is­lam­kri­tik – etwa Kopf­tuch­ver­bo­te in Schu­len und Be­hör­den – wäre nach die­sem Lager nur dann zu dul­den oder zu be­grü­ßen, wenn auch Kreuz und Kippa aus den ent­spre­chen­den Räu­men ent­fernt wür­den, wenn der Staat mit den Res­ten einer Pri­vi­le­gie­rung des Chris­ten­tums auf­räum­te, also keine Kir­chen­steu­er mehr ein­trie­be, den Kir­chen den Sta­tus von Kör­per­schaf­ten des öf­fent­li­chen Rechts ab­sprä­che, ihre Ver­tre­ter aus Bei­rä­ten und Gre­mi­en der Rund­funk­an­stal­ten ent­fern­te etc.
Kon­ser­va­ti­ven und Rech­ten bzw. „Recht­po­pu­lis­ten“ da­ge­gen wer­den von eben jenen Lin­ken und ins­be­son­de­re Links­an­ti­deut­schen zwei ein­an­der kon­trä­re Ten­den­zen un­ter­scho­ben, die hier aber in Wirk­lich­keit mar­gi­nal und statt­des­sen vor allem bei wie­der­um der­zeit mar­gi­na­li­sier­ten Nazis an­zu­tref­fen sind: die äu­ßer­li­che In­dienst­nah­me von auf­klä­re­ri­scher Is­lam­kri­tik für schnö­den aus­län­der­feind­li­chen Ras­sis­mus und eine Hass­lie­be in Bezug auf den Islam, die sich aus Is­lam­neid spei­se: d.h. aus der Un­ter­stel­lung, im Islam herr­sche über­haupt noch au­then­ti­sche Re­li­gio­si­tät oder ein in­tak­tes als kon­ser­va­tiv ver­nied­lich­tes Ge­schlech­ter­ver­hält­nis, Mos­lems ver­füg­ten noch über so etwas wie eine ge­sun­de kul­tu­rel­le Iden­ti­tät und über­haupt han­de­le es sich bei ihnen – wie schon Nietz­sche im An­ti­christ irrte, der ihren Pe­nis­neid nicht er­kann­te – um echte Män­ner, un­ge­hemmt von einem christ­li­chen Ge­wis­sen, das ver­weich­licht. Oder in Hit­lers Wor­ten: „Hätte bei Poi­tiers nicht Karl Mar­tell ge­siegt: Haben wir schon die jü­di­sche Welt auf uns ge­nom­men – das Chris­ten­tum ist so etwas Fades –, so hät­ten wir viel eher noch den Mo­ham­me­da­nis­mus über­nom­men, diese Lehre der Be­loh­nung des Hel­den­tums: Der Kämp­fer al­lein hat den sie­ben­ten Him­mel! Die Ger­ma­nen hät­ten die Welt damit er­obert, nur durch das Chris­ten­tum sind wir davon ab­ge­hal­ten wor­den.“ (1)
Mit bei­den Ten­den­zen hat die der­zeit he­ge­mo­nia­le kon­ser­va­ti­ve Is­lam­kri­tik von CSU und of­fi­zi­el­ler AfD in den von ihnen jüngst an­ge­sto­ße­nen De­bat­ten – „Der Islam ge­hört nicht zu Deutsch­land“, „Kopf­tuch­ver­bot für Schü­le­rin­nen“ und ver­pflich­ten­de Kreu­ze in baye­ri­schen Amts­stu­ben – nichts zu tun. Das prak­ti­sche Er­geb­nis, der Ef­fekt sol­cher Maß­nah­men wäre – wie auch immer be­grün­det und mo­ti­viert – zu­nächst erst mal nur eine selbst­be­wuss­te und un­miss­ver­ständ­li­che staat­li­che Pri­vi­le­gie­rung des Chris­ten­tums (ne­ben­bei auch des Ju­den­tums) gegen den Islam. Eine Un­gleich­be­hand­lung der Re­li­gio­nen also, die den is­la­mi­schen Pa­tri­ar­cha­lis­mus, die Men­schen­ver­ach­tung und Le­bens­feind­lich­keit schlicht nicht als einen Aus­druck von Re­li­gio­si­tät, die in den Ge­nuss von Re­li­gi­ons­frei­heit kom­men könn­te, durch­ge­hen lässt. Ob­jek­tiv wären sol­che Maß­nah­men eine Ver­tei­di­gung des Wes­tens und sei­ner Er­run­gen­schaf­ten, die sich als Ver­tei­di­gung des Abend­lan­des we­nigs­tens ahnt.
So wurde der Be­schluss des baye­ri­schen Lan­des­ka­bi­netts, wo­nach ab Juni 2018 in jeder Be­hör­de des Bun­des­lan­des ein Kreuz hän­gen muss, damit be­grün­det, dass dies die „ge­schicht­li­che und kul­tu­rel­le Prä­gung“ Bay­erns zum Aus­druck brin­gen und „sicht­ba­res Be­kennt­nis zu den Grund­wer­ten der Rechts- und Ge­sell­schafts­ord­nung“ sein soll. (2) Man kann an­ge­sichts be­stimm­ter For­mu­lie­run­gen na­tür­lich über den baye­ri­schen Lo­kal­pa­trio­tis­mus schmun­zeln; und na­tür­lich ist der af­fir­ma­ti­ve Bezug auf „Hei­mat“, ohne den is­lam­kri­ti­sche Vor­stö­ße aus dem kon­ser­va­ti­ven Lager im All­ge­mei­nen sel­ten aus­kom­men, kri­tik­wür­dig. Al­ler­dings ist es nicht Auf­ga­be von Kri­tik, an einer prin­zi­pi­ell ver­nünf­ti­gen Sicht der Dinge selbst­ge­fäl­lig und klein­lich her­um­zu­nör­geln, die das linke Es­ta­blish­ment oh­ne­hin und er­war­tungs­ge­mäß mit Häme über­zieht. Dabei war bei­spiels­wei­se Söder ja nicht nur ge­fun­de­nes Fres­sen für den lin­ken in­di­vi­dua­lis­tisch-he­do­nis­ti­schen Vul­gärat­he­is­mus. Selbst von der an­de­ren Seite, also der de­zi­diert christ­li­chen, wurde ihm von Li­be­ra­len wie Lind­ner und Kir­chen­ver­tre­tern wie Kar­di­nal Marx der Vor­wurf ge­macht, das christ­li­che Kreuz zu pro­fa­ni­sie­ren.
Wenn Kar­di­nal Marx sich zu der Be­haup­tung ver­steigt, Sö­ders Er­lass – und nicht etwa der Islam, auf den der Er­lass re­agiert – habe „Spal­tung, Un­ru­he, Ge­gen­ein­an­der“ aus­ge­löst, zeigt sich darin nur, wie sehr selbst die ka­tho­li­sche Kir­che – aller vor­ge­scho­be­nen War­nung vor einer „Po­li­ti­sie­rung der Re­li­gi­on“ zum Trotz und in Selbst­ver­rat – be­reits kon­struk­ti­ver Teil des po­li­ti­schen Links­kar­tells ge­wor­den ist, das sich in Sa­chen Ab­leh­nung des Kreu­zes mit der Mehr­heit der deut­schen Be­völ­ke­rung laut Em­nid-Um­fra­ge einig weiß. Einig näm­lich ist man sich in der Ver­drän­gung so­wohl der pro­fa­nen Be­deu­tungs­di­men­si­on des Kreu­zes als auch der sa­kra­len Be­deu­tungs­di­men­si­on der bür­ger­li­chen Rechts­ord­nung.

Den Begriff des Abendlandes reaktivieren

Es mag ein­mal ver­nünf­ti­ge Ein­wän­de gegen den Be­griff des christ­lich-jü­di­schen Abend­lan­des ge­ge­ben haben. Zum einen un­ter­stellt „christ­lich-jü­disch“ eine his­to­ri­sche Har­mo­nie, wel­che die Ge­schich­te des christ­li­chen An­ti­ju­da­is­mus es­ka­mo­tiert. Wes­halb sich noch heute ge­witz­te Po­le­mi­ker darin ge­fal­len, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Bin­de­strich im Grun­de als Mi­nus-Zei­chen zu lesen sei (also christ­lich minus jü­disch). Zum an­de­ren trage die Wen­dung vom Abend­land der die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft aus­zeich­nen­den Sä­ku­la­ri­sie­rung nicht an­ge­mes­sen Rech­nung, könne „christ­li­ches Do­mi­nanz­ge­ba­ren“ für bür­ger­li­che Kon­fes­si­ons­lo­se und Weih­nachts­baum-Chris­ten nicht iden­ti­täts­stif­tend sein. Da­ge­gen hatte der Be­griff des „Wes­tens“ den Vor­teil, stär­ker auf Li­be­ra­lis­mus und das ame­ri­ka­ni­sche Stre­ben nach in­di­vi­du­el­lem Glück ab­zu­he­ben, mit­hin den Ein­spruch gegen An­ti­se­mi­tis­mus und re­li­giö­sen wie sons­ti­gen Kol­lek­ti­vis­mus mit­zu­trans­por­tie­ren, wes­halb er sich auch unter Ideo­lo­gie­kri­ti­kern ei­ni­ger Be­liebt­heit er­freu­te.
In­zwi­schen ist „Wes­ten“ je­doch zu einer Chif­fre für das ver­kom­men, worin sich die nach­bür­ger­li­che Ge­sell­schaft am fort­schritt­lichs­ten und li­be­rals­ten wähnt, und worin sie zudem glaubt, die rich­ti­gen Leh­ren aus Ausch­witz zu zie­hen: An­ti­ras­sis­mus und Re­li­gi­ons­frei­heit. Das führt in die ei­gent­lich pa­ra­do­xe Si­tua­ti­on, dass sich die an­ti­bür­ger­li­che Is­la­mi­sie­rung west­eu­ro­päi­scher Ge­sell­schaf­ten unter dem Deck­man­tel der Ver­tei­di­gung von Bür­ger­lich­keit voll­zieht, wes­halb selbst dort, wo diese Ent­wick­lung nicht be­grüßt, son­dern ab­ge­lehnt wird, so etwas wie ein pa­ra­ly­sier­ter Fa­ta­lis­mus vor­herrscht, der sich in selbst­quä­le­ri­schen Phra­sen aus­drückt, wie etwa der, wel­chen Sinn eine kon­se­quen­te Be­kämp­fung des Islam über­haupt hätte, wenn man dazu Frei­heits­rech­te be­schnei­den, sich also um die ei­ge­ne west­li­che und li­be­ra­le Iden­ti­tät brin­gen müss­te…
In Wirk­lich­keit gäbe es im Ver­hält­nis zwi­schen prak­ti­scher Is­lam­kri­tik und kon­se­quen­ter Ver­tei­di­gung von Bür­ger­lich­keit his­to­risch wie lo­gisch nichts Wi­der­sprüch­li­ches, wenn man sich des de­zi­diert abend­län­di­schen Cha­rak­ters des Bür­ger­li­chen end­lich (wie­der?) be­wusst würde. Heut­zu­ta­ge hat mar­xis­ti­sche Ideo­lo­gie­kri­tik daher die Auf­ga­be, der kon­ser­va­ti­ven Kampf­an­sa­ge gegen den Islam, deren Ver­tre­ter sich im Un­ter­schied zum lin­ken Lager als prin­zi­pi­ell an­sprech­bar er­wei­sen, auf die Sprün­ge zu hel­fen.
In Sö­ders Rede von den vom Kreuz sym­bo­li­sier­ten „Grund­wer­ten der Rechts- und Ge­sell­schafts­ord­nung“ hallt näm­lich nur noch schwach nach, wovon der Abend­land­my­thos des Nach­kriegs­kon­ser­va­tis­mus sei­ner­zeit eine ver­gleichs­wei­se klare Vor­stel­lung hatte. Theo­dor Heuss etwa er­klär­te 1950: „Es gibt drei Hügel, von denen das Abend­land sei­nen Aus­gang ge­nom­men hat: Gol­ga­tha, die Akro­po­lis in Athen, das Ca­pi­tol in Rom. Aus allen ist das Abend­land geis­tig ge­wirkt, und man darf alle drei, man muss sie als Ein­heit sehen.“ (3) Söder hätte sich auch – we­sent­lich ak­tu­el­ler – auf die An­spra­che von Papst Be­ne­dikt XVI. im Deut­schen Bun­des­tag am 22. Sep­tem­ber 2011 be­ru­fen kön­nen. Da sagte Ratz­in­ger: „Die Kul­tur Eu­ro­pas ist aus der Be­geg­nung von Je­ru­sa­lem, Athen und Rom – aus der Be­geg­nung zwi­schen dem Got­tes­glau­ben Is­ra­els, der phi­lo­so­phi­schen Ver­nunft der Grie­chen und dem Rechts­den­ken Roms ent­stan­den. Diese drei­fa­che Be­geg­nung bil­det die in­ne­re Iden­ti­tät Eu­ro­pas.“ (4)
Zwar ge­hö­ren zu jedem My­thos Ver­klä­rung und Idea­li­sie­rung, die der Selbst­auf­klä­rung be­dür­fen. In die­sem Fall scheint es je­doch eher so zu sein, dass der Zu­sam­men­hang von Bür­ger­lich­keit und Ju­den­tum be­zie­hungs­wei­se Chris­ten­tum re­al­his­to­risch und be­griff­lich noch viel zwin­gen­der ist, als es den meis­ten Kon­ser­va­ti­ven und sich selbst treu­en Chris­ten je be­wusst war. Es gibt näm­lich tat­säch­lich so etwas wie ein trans­his­to­ri­sches „kul­tu­rel­les Dis­po­si­tiv“ des Ok­zi­dents, des­sen kon­kre­te Be­stim­mun­gen ins­be­son­de­re in Ab­gren­zung vom (is­la­mi­schen) Ori­ent deut­lich her­vor­tre­ten. Das be­trifft vor allem (so­wohl für sich als auch in wech­sel­sei­ti­ger Ver­schrän­kung) die Sphä­re des Rechts und die Sphä­re der Trieb­re­gu­la­ti­on als zi­vi­li­sie­ren­de Ent­ro­hung des Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­ses.
Kurz ge­sagt, kennt die Scha­ria weder das Ideal von Rechts­si­cher­heit und ver­mit­tel­tem Ge­walt­mo­no­pol noch das Kon­zept pas­si­ver In­di­vi­du­al­rech­te (5) – womit im Grun­de Islam und ein em­pha­ti­scher Be­griff des Rechts ein­an­der ka­te­go­risch aus­schlie­ßen. Se­xu­al­po­li­tisch nimmt der Islam für männ­li­che Trieb­ver­sa­gung (Sub­li­mie­rung kennt er nicht) nicht etwa wie das Abend­land – Stich­wor­te: Odys­seus-My­thos und Berg­pre­digt – die Män­ner, son­dern die Frau­en in die Pflicht, deren über­se­xua­li­sie­ren­de Dese­xua­li­sie­rung dar­aus re­sul­tiert, dem Ehe­mann als Ob­jekt der Trie­b­ab­fuhr zu die­nen und für alle an­de­ren Män­ner se­xu­ell un­sicht­bar zu sein. Is­la­mi­sche Rechts­feind­schaft und Se­xua­li­täts­dis­po­si­tiv ver­dich­ten sich im Kopf­tuch als zu­gleich Herr­schafts­mit­tel, das sich in die Frau­en­kör­per ein­schreibt, und dop­pel­tes Sym­bol: Zei­chen des phal­lo­zen­trisch-pa­tri­ar­cha­len Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­ses selbst und der is­la­mi­sie­ren­den Land­nah­me des öf­fent­li­chen Rau­mes, ag­gres­si­ve Kampf­an­sa­ge an alle noch un­ver­schlei­er­ten Frau­en und sicht­ba­re Eta­blie­rung von Ge­gen­sou­ve­rä­ni­tät.
Es ist per­for­ma­tiv wi­der­sin­nig und daher zum Schei­tern ver­ur­teilt, Mäd­chen und Jun­gen au­to­chtho­ner wie mi­gran­ti­scher Her­kunft zu mo­der­nen Bür­ge­rin­nen und Bür­gern in einem Raum er­zie­hen zu wol­len, in dem die Ver­hül­lung von Mäd­chen ge­dul­det wird. Eine sol­che Dul­dung ist nicht staat­li­che Neu­tra­li­tät, son­dern ihr Ge­gen­teil: die Par­tei­nah­me gegen jene Mäd­chen und der Ver­rat ihrer Bür­ger­rech­te, somit bür­ger­li­che Selbst­de­mon­ta­ge.

Judaisierung ist Zivilisierung

His­to­risch be­trach­tet sind die Her­aus­bil­dung einer bür­ger­li­chen Ge­sell­schafts­sphä­re und die Ent­ste­hung des phi­lo­so­phi­schen Mo­nis­mus sowie jü­di­schen Mo­no­the­is­mus in der grie­chi­schen An­ti­ke des 5. Jahr­hun­derts vor Chr. Phä­no­me­ne, deren gleich­zei­ti­ges Er­schei­nen alles an­de­re als kon­tin­gent ist. Vie­les spricht dafür, dass Letz­te­res sei­nen ma­te­ri­el­len Grund in Ers­te­rem hat. (6) Die Er­fah­rung des geld­ver­mit­tel­ten Wa­ren­tauschs – dass also alle ein­zel­nen Wa­ren­din­ge, wel­che die Men­schen zu Schöp­fern haben, über ein Prin­zip, ein Eines, sei es Gold, Sil­ber oder Münz­geld, re­gu­liert wer­den und zir­ku­lie­ren – mag die Frage na­he­ge­legt haben, ob nicht ge­wis­ser­ma­ßen ana­log auch alle Na­tur­din­ge in­klu­si­ve des Men­schen auf ein Prin­zip rück­führ­bar sind, dem sie Exis­tenz und in­ne­ren Zu­sam­men­hang ver­dan­ken. In­mit­ten einer Welt po­lyt­he­is­ti­scher My­then kommt Aris­to­te­les so – rein geis­tes­ge­schicht­lich be­trach­tet – plötz­lich und un­ver­mit­telt phi­lo­so­phisch auf den einen selbst un­be­weg­ten Be­we­ger alles Sei­en­den und kom­men die Juden re­li­gi­ös auf den einen Schöp­fer­gott. Noch die spä­te­re christ­li­che Tri­ni­tät ist keine Auf­wei­chung des oder Ver­stoß gegen den Mo­no­the­is­mus, son­dern dürf­te ge­ra­de in ihrer Rät­sel­haf­tig­keit und Mys­tik ad­äqua­ter und plau­si­bler Aus­druck der ge­ahn­ten, aber un­be­grif­fe­nen Drei­heit in der Kon­sti­tu­ti­on des Tausch­werts (also Gott) sein: 1. Wert­abs­trak­ti­on (= Hei­li­ger Geist), 2. Tausch­recht set­zen­de und ho­heit­li­che Kon­trol­le über die Geld­wa­re aus­üben­de Sou­ve­rä­ni­tät (= Vater) und 3. die Münze selbst als sinn­lich ge­wor­de­ne Abs­trak­ti­on (= fleisch­ge­wor­de­ner Sohn, sinn­lich-über­sinn­li­ches Ding).
So­weit der geld­ver­mit­tel­te Äqui­va­len­ten­tausch – die Ver­glei­chung des Un­glei­chen – nicht nur in­di­rekt den Er­fah­rungs­hin­ter­grund Aris­to­te­li­scher Über­le­gun­gen gibt, son­dern als sol­cher den Ge­gen­stand der Ana­ly­se bil­det, re­flek­tiert Aris­to­te­les auf die not­wen­di­ge recht­li­che Gleich­heit der Tau­schen­den als Tau­schen­de, also eine Gleich­heit, die als Ab­se­hung vom ge­sell­schaft­li­chen Rang der Per­so­nen zu­gleich aber auf den Tausch­akt selbst be­schränkt bleibt. Dem­ge­gen­über bil­det das Ju­den­tum eine die un­mit­tel­ba­re Rea­li­tät des Äqui­va­len­ten­tauschs tran­szen­die­ren­de Idee her­aus. So wie das Geld (als Geld­wa­re oder Münze) im aus­wär­ti­gen Han­del im Grun­de ein uni­ver­sa­les Prin­zip der „Völ­ker­ver­stän­di­gung“ – im Un­ter­schied zum Raub­krieg – dar­stellt, fun­giert der jü­di­sche mo­no­the­is­tisch ge­dach­te Gott eben nicht mehr als par­ti­ku­la­rer Stam­mes­gott der Juden, son­dern als Gott aller Men­schen, vor dem und des­sen Ge­setz alle Men­schen prin­zi­pi­ell gleich sind, gleich­be­deu­tend mit der Idee einer un­ge­teil­ten Mensch­heit und der Got­tes­eben­bild­lich­keit jedes ein­zel­nen Men­schen, des­sen Leben darum hei­lig ist. So ver­wei­sen eben auch Ge­setz, Bund, Ver­trags­werk – ver­mit­telt über den Aus­zug der He­brä­er aus Ägyp­ten – immer auch auf einen grund­sätz­li­chen Ein­spruch gegen die In­sti­tu­ti­on der Skla­ve­rei, ja der Herr­schaft des Men­schen über den Men­schen über­haupt.
Un­ab­hän­gig von den kon­kre­ten In­hal­ten des jü­di­schen Ge­set­zes, das in we­sent­li­chen Fra­gen spä­te­re bür­ger­li­che Rechts­grund­sät­ze der Mo­der­ne vor­weg­nimmt, ist das Ver­hält­nis zu Sou­ve­rä­ni­tät, Recht und Ord­nung in eine Theo­rie des Mes­sia­ni­schen ein­ge­las­sen, wo­durch es af­fir­ma­tiv und kri­tisch zu­gleich ist. Das Ge­setz ist ei­ner­seits als sol­ches und in sei­nen In­hal­ten Aus­druck des un­ver­söhn­ten Stan­des der Mensch­heit (mit sich selbst, Gott und der Natur) und ga­ran­tiert, quasi als Kom­pro­miss, das best­mög­li­che Leben ein­ge­denk eben jener all­ge­mei­nen Un­ver­söhnt­heit. Im ver­söhn­ten Stand da­ge­gen wäre das Ge­setz als ver­wirk­lich­tes, sei­nem Geist nach von den Men­schen ver­in­ner­lich­tes, als äu­ße­res und buch­stäb­li­ches über­flüs­sig be­zie­hungs­wei­se auf­ge­ho­ben.
Nach die­sem Mus­ter üb­ri­gens denkt Marx die durch einen re­vo­lu­tio­nä­ren Akt her­zu­stel­len­de Über­gangs­ge­sell­schaft zwi­schen Ka­pi­ta­lis­mus und Kom­mu­nis­mus, in der unter neuen Ei­gen­tums­ver­hält­nis­sen, also auf der Basis ver­ge­sell­schaf­te­ter Pro­duk­ti­ons­mit­tel die bür­ger­li­che Rechts­form zu­nächst ge­nau­so fort­exis­tiert, wie die Pro­duk­te ver­mit­tels des geld­ähn­li­chen Ar­beits­gel­des dis­tri­bu­iert wer­den – bis Rechts-, Wa­ren- und Geld­form voll­ends über­flüs­sig ge­wor­den sind.
Wäh­rend das frühe Ur-Chris­ten­tum mit dem ers­ten Er­schei­nen Jesu die mes­sia­ni­sche Zeit für ge­kom­men hielt und darum Hei­den mis­sio­nier­te und das jü­di­sche Ge­setz in sei­ner sa­kra­men­ta­len Ein­heit auf­ge­weicht weil für be­reits ver­wirk­licht er­klärt hatte, blieb dem spä­te­ren, ge­sell­schaft­lich sieg­rei­chen Chris­ten­tum an­ge­sichts der Pa­ru­sie­ver­zö­ge­rung – also: des of­fen­sicht­li­chen Aus­blei­bens des zwei­ten Er­schei­nens Jesu – und damit der doch nicht voll­kom­men er­lös­ten Welt nichts an­de­res übrig, als das Ge­setz in Form des Kir­chen­rechts wie­der auf­zu­rich­ten, das his­to­risch ver­mit­telt nun einen Syn­kre­tis­mus aus jü­di­schem und re­pu­bli­ka­nisch-rö­mi­schem Recht dar­stellt. Rein theo­lo­gisch mag es einen, sich dann in an­ti­jü­di­sches Res­sen­ti­ment über­set­zen­den, Min­der­wer­tig­keits­kom­plex ge­gen­über der Ur­sprungs­re­li­gi­on be­güns­ti­gen, aufs zwei­te Er­schei­nen des Mes­sias zu war­ten, statt wie das re­li­giö­se Ori­gi­nal aufs Erste – und damit die Be­deu­tung des Kreu­zes­to­des ab­zu­schwä­chen, gar in der Rechts­not­wen­dig­keit zu pro­fa­ni­sie­ren. Mensch­heits­his­to­risch ist es aber diese theo­lo­gi­sche Kon­struk­ti­on, die den Irr­tum der Na­her­war­tung des Heils kom­pen­siert, mit der das Chris­ten­tum zu­nächst die grie­chi­schen und rö­mi­schen Hei­den, dann die eu­ro­päi­schen Bar­ba­ren ju­da­i­sier­te, d.h. zi­vi­li­sier­te, wor­aus ein Res­sen­ti­ment­frei­heit er­mög­li­chen­des christ­li­ches Selbst­be­wusst­sein ge­gen­über den Juden hätte ge­zo­gen wer­den kön­nen.
Es wird dann je­den­falls zur Iro­nie der spä­te­ren bür­ger­li­chen Re­vo­lu­tio­nen ge­hö­ren, dass sie gegen die Re­li­gi­on, die ka­tho­li­sche Kir­che, den Kle­rus (als Ver­bün­de­te des Adels) ins Werk ge­setzt wur­den und als Sä­ku­la­ri­sie­rung er­schei­nen, wäh­rend sie de facto das bis dahin im Schat­ten des welt­li­chen „eu­ro­pä­isch“-heid­ni­schen Ge­wohn­heits­rechts aus­ge­bil­de­te und prak­ti­zier­te ka­no­ni­sche Kir­chen­recht über­haupt erst prak­tisch als welt­li­ches, bür­ger­li­ches Recht in­thro­ni­sier­ten: die tausch­ver­mit­tel­te Gleich­heit aller Bür­ger vor dem Ge­setz, die Er­set­zung der auf das ius ta­lio­nis zu­rück­ge­hen­den Kör­per­stra­fen durch Be­stra­fung im Sinne des Äqui­va­lenz­prin­zips, die von der Tri­ni­täts­leh­re in­spi­rier­te Ge­wal­ten­tei­lung, Straf­mil­de­rung auf­grund von Ge­ständ­nis (sprich Beich­te) und Reue usw. usf.

Materialistische Kritik und Theologie

Wenn schon den Islam – und nicht erst den Is­la­mis­mus – kri­ti­sie­ren, dann doch bit­te­schön im Sinne der ma­te­ria­lis­ti­schen Re­li­gi­ons­kri­tik von Karl Marx, heißt es re­gel­mä­ßig von links, wobei die Re­fe­renz schon sys­te­ma­tisch auf plum­pen Athe­is­mus her­un­ter­ge­bracht wird. Marx da­ge­gen un­ter­schei­det in einem sei­ner bes­ten Texte – Zur Ju­den­fra­ge – die po­li­ti­sche von der mensch­li­chen Eman­zi­pa­ti­on. Gegen Bruno Bauer, der ver­tritt, dass die Juden sich vom Ju­den­tum eman­zi­pie­ren müss­ten, um voll­wer­ti­ge Staats­bür­ger zu wer­den, de­fi­niert Marx die po­li­ti­sche Eman­zi­pa­ti­on als Eman­zi­pa­ti­on des Staa­tes von der Re­li­gi­on, was die Ab­schaf­fung des Chris­ten­tums als Staats­re­li­gi­on und die De­gra­die­rung jeder Re­li­gi­on zur Pri­vat­schrul­le des ein­zel­nen Bür­gers meint, womit Ju­den­tum und Chris­ten­tum dem bür­ger­li­chen Staat im mehr­fa­chen Wort­sinn gleich-gül­tig wer­den. Die Be­frei­ung des Ein­zel­nen von der Re­li­gi­on als Pri­vat­schrul­le bzw. der Ge­sell­schaft vom Ju­den­tum – eine gern als An­ti­se­mi­tis­mus miss­deu­te­te Wen­dung – ist erst Sache der mensch­li­chen Eman­zi­pa­ti­on.
Ge­ra­de in die­sem Zu­sam­men­hang wäre je­doch klar­zu­stel­len, dass die gern kol­por­tier­te Rede aus der Ein­lei­tung zur Kri­tik der He­gel­schen Rechts­phi­lo­so­phie, wo­nach die „Re­li­gi­ons­kri­tik“ Vor­aus­set­zung aller Kri­tik sei, man sich also von der „Re­li­gi­ons­kri­tik“ zur Kri­tik an Recht, Staat und Ka­pi­tal vor­zu­ar­bei­ten hätte, al­len­falls für die po­li­ti­sche Eman­zi­pa­ti­on zu­trifft; für die mensch­li­che Eman­zi­pa­ti­on gilt eher das Um­ge­kehr­te. Weil die Re­li­gi­on der „Seuf­zer der be­dräng­ten Krea­tur“, der „Trost trost­lo­ser Zu­stän­de“, die Il­lu­si­on über Ver­hält­nis­se, die der Il­lu­si­on be­dür­fen, zielt die Re­li­gi­ons­kri­tik als prak­ti­sche Kri­tik am Ka­pi­tal auf die Her­stel­lung einer Wirk­lich­keit, wel­che die Krea­tur nicht mehr be­drängt, und darum das Seuf­zen aus der Welt schafft. Eine athe­is­ti­sche Re­li­gi­ons­kri­tik da­ge­gen, wel­che die Re­li­gi­on als Blume an der Kette zer­pflückt, auf dass der Mensch seine Ver­skla­vung il­lu­si­ons­frei er­trü­ge, ist nach Marx Men­schen­ver­ach­tung, die mit Eman­zi­pa­ti­on nichts zu tun hat. So denkt auch Ador­no or­tho­dox mar­xis­tisch, wenn er in der Ne­ga­ti­ven Dia­lek­tik ge­wis­ser­ma­ßen einen mes­sia­ni­schen Ma­te­ria­lis­mus be­grün­det: „Mit der Theo­lo­gie kommt [der Ma­te­ria­lis­mus] dort über­ein, wo er am ma­te­ria­lis­tischs­ten ist. Seine Sehn­sucht wäre die Auf­er­ste­hung des Flei­sches [...] Flucht­punkt des his­to­ri­schen Ma­te­ria­lis­mus wäre seine ei­ge­ne Auf­he­bung, die Be­frei­ung des Geis­tes vom Pri­mat der ma­te­ri­el­len Be­dürf­nis­se im Stand ihrer Er­fül­lung. Erst dem ge­still­ten leib­haf­ten Drang ver­söhn­te sich der Geist und würde, was er so­lan­ge nur ver­heißt, wie er im Bann der ma­te­ri­el­len Be­din­gun­gen die Be­frie­di­gung der ma­te­ri­el­len Be­dürf­nis­se ver­wei­gert.“ (7)
Ideo­lo­gie­kri­tik, deren Flucht­punkt immer, auch und ge­ra­de dann, wenn er – an­ge­sichts ver­stell­ter Pra­xis – nicht be­kennt­nis­haft vor sich her­ge­tra­gen wird, der Kom­mu­nis­mus dar­stellt, ist also Über­set­zung – wenn man will: sä­ku­la­ri­sie­ren­de Über­set­zung – des jü­disch-christ­li­chen Mes­sia­nis­mus; damit also ein Vor­ge­hen, das in sei­ner Sub­stanz abend­län­di­scher kaum sein könn­te.

Menschenrechte als theologisches Naturrecht

Marx hat sei­ner­zeit die USA ins Spiel ge­bracht als das Land, das die po­li­ti­sche Eman­zi­pa­ti­on des Staa­tes von der Re­li­gi­on am fort­schritt­lichs­ten ver­wirk­licht habe. Dabei wäre etwas näher auf die „Ame­ri­ka­ni­sche Un­ab­hän­gig­keits­er­klä­rung“ ein­zu­ge­hen, weil diese in ihrer Prä­am­bel – und das ist ge­ra­de kein Wi­der­spruch – einen ex­pli­zi­ten theo­lo­gi­schen Bezug ent­hält, der zudem dop­pelt kon­sti­tu­tiv ist: ein­mal, und zwar all­ge­mein, fürs Selbst­ver­ständ­nis bür­ger­li­chen Rechts über­haupt und zum zwei­ten, im Be­son­de­ren, für den Ver­such, den Rechts­bruch des po­li­ti­schen Wi­der­stands gegen das Mut­ter­land mit dem Recht des Mut­ter­lan­des zu le­gi­ti­mie­ren, einem Recht al­ler­dings, vor dem sich das po­si­ti­ve Recht und des­sen Aus­le­gung in bei­den Na­tio­nen selbst zu recht­fer­ti­gen hat. Die ent­schei­den­den ers­ten Sätze der maß­geb­lich von Jef­fer­son ver­fass­ten Grün­dungs­ur­kun­de der USA vom 4. Juli 1776 gehen je­den­falls so:
Wir hal­ten diese Wahr­hei­ten für aus­ge­macht, dass alle Men­schen gleich er­schaf­fen wor­den, dass sie von ihrem Schöp­fer mit ge­wis­sen un­ver­äu­ßer­li­chen Rech­ten be­gabt wor­den sind, wor­un­ter sind Leben, Frei­heit und das Be­stre­ben nach Glück­se­lig­keit. Dass zur Ver­si­che­rung die­ser Rech­te Re­gie­run­gen unter den Men­schen ein­ge­führt wor­den sind, wel­che ihre ge­rech­te Ge­walt von der Ein­wil­li­gung der Re­gier­ten her­lei­ten; dass so­bald eine Re­gie­rungs­form die­sen End­zwe­cken ver­derb­lich wird, es das Recht des Volks ist, sie zu ver­än­dern oder ab­zu­schaf­fen, und eine neue Re­gie­rung ein­zu­set­zen, die auf sol­che Grund­sät­ze ge­grün­det, und deren Macht und Ge­walt sol­cher­ge­stalt ge­bil­det wird, als ihnen zur Er­hal­tung ihrer Si­cher­heit und Glück­se­lig­keit am schick­lichs­ten zu sein dün­ket.
Das Selbst­re­fle­xi­ons­ni­veau die­ser Set­zun­gen ist be­mer­kens­wert. Her­vor­zu­he­ben sind fol­gen­de Mo­men­te: Ers­tens: Es gibt so etwas wie un­ver­äu­ßer­li­che po­si­ti­ve Grund­rech­te, die allen Men­schen, als darin ein­an­der glei­chen In­di­vi­du­en, zu­kom­men: Leben, Frei­heit, Stre­ben nach Glück. Diese Rech­te stam­men von Gott. Zwei­tens: Da nun aber Gott selbst die ir­di­sche Ver­si­che­rung die­ser Rech­te nicht leis­tet, ist welt­li­che, also staat­li­che Ge­walt zu ihrer Durch­set­zung er­for­der­lich, was aufs Pa­ra­dox be­zie­hungs­wei­se die freund­li­che Il­lu­si­on der his­to­risch spä­ter de­kla­rier­ten „Men­schen­rech­te“ ver­weist – von Marx in der Ju­den­fra­ge, spä­ter pro­mi­nent noch ein­mal von Han­nah Arendt pro­ble­ma­ti­siert –, dass näm­lich die Grund­rech­te ei­ner­seits der Idee nach über bloße Bür­ger­rech­te hin­aus­ge­hen, weil sie für alle Men­schen un­ab­hän­gig von deren Staats­an­ge­hö­rig­keit gel­ten sol­len, an­de­rer­seits aber prak­tisch wert­los sind, wenn es kei­nen Sou­ve­rän gibt, der sich für zu­stän­dig er­klärt, wor­aus folgt: Wer Bür­ger­rech­te hat, braucht keine Men­schen­rech­te. Drit­tens: Zwar soll welt­li­che Ge­walt ihre Le­gi­ti­mi­tät von der Ein­wil­li­gung der Re­gier­ten be­zie­hen, doch hat das Wi­der­stands­recht dabei nichts mit einem for­mal ge­gen­läu­fi­gen Mehr­heits­wil­len be­zie­hungs­wei­se über­haupt Vol­un­ta­ris­mus zu tun, weil ein wi­der­stän­di­ger Volks­wil­le nur dann rechts­kon­form ist, wenn die Re­gie­rung sys­te­ma­tisch gegen die un­ver­äu­ßer­li­chen Grund­rech­te ver­stößt, was in­halts­in­dif­fe­ren­te Mehr­heits­dik­ta­tu­ren gegen Min­der­hei­ten recht­lich aus­schließt und sich darin eben ab­setzt von jedem for­ma­lis­ti­schen De­mo­kra­tie- und Wahl­rechts­ge­fa­sel. Vier­tens: Die Idee, dass po­si­ti­ves Recht selbst noch ein­mal recht­lich in einem hö­he­ren, ihm selbst sowie mensch­li­cher Will­kür tran­szen­den­ten, Recht ge­grün­det sein könn­te, oder zu grün­den wäre, ist recht alt und wurde un­term Be­griff des Na­tur­rechts ver­han­delt. Da sich so­zia­le Rech­te aber schwer­lich aus der Natur als sol­cher ab­lei­ten las­sen, be­zieht sich die theo­lo­gi­sche In­ter­pre­ta­ti­on eben auf Gott, der ja schließ­lich auch die Natur selbst ge­schaf­fen habe.
Man könn­te nun na­tür­lich sagen, dass sich die Bür­ger mit­tels die­ser Kon­struk­ti­on Got­tes be­die­nen und die­sen zu­neh­mend als Platz­hal­ter und Bür­gen „bür­ger­li­cher Ver­nunft“ sä­ku­la­ri­sie­ren. An­de­rer­seits ist der jü­disch-christ­li­che Gott eben dies po­ten­ti­ell immer schon ge­we­sen, die Ver­bür­ger­li­chung der Mensch­heit – wie un­voll­kom­men und brü­chig auch immer – daher eben­so ihre Ju­da­i­sie­rung be­zie­hungs­wei­se Chris­tia­ni­sie­rung.

Religionsfreiheit als protestantische Erfindung

Ent­fal­tet sich in der Aus­bil­dung des ka­no­ni­schen Kir­chen­rechts (schlag­wort­ar­tig aus­ge­drückt) eine his­to­ri­sche Dia­lek­tik von Ka­tho­li­zis­mus, Ju­den­tum und grie­chisch-rö­mi­scher An­ti­ke, so ent­sprin­gen die rechts­phi­lo­so­phi­schen Re­fle­xio­nen mo­der­ner Ver­fas­sungs­staa­ten dem ver­wi­ckel­ten Ver­hält­nis von Ka­tho­li­zis­mus und Pro­tes­tan­tis­mus. Als ver­folg­te Min­der­heit brach­ten vor ka­tho­li­scher Ver­fol­gung Schutz su­chen­de Pro­tes­tan­ten zum einen die grund­sätz­li­che Be­reit­schaft mit, sich dem welt­li­chen Recht sie schüt­zen­der Fürs­ten zu un­ter­wer­fen, was von ihnen ver­lang­te, die im Chris­ten­tum immer schon auch vor­han­de­ne Tren­nung von welt­li­cher Po­li­tik und Re­li­gi­on theo­lo­gisch wei­ter zu un­ter­mau­ern. Zum an­de­ren nei­gen sich von eta­blier­ten In­sti­tu­tio­nen her­aus­lö­sen­de Sek­ten häu­fig zu in­tern ver­gleichs­wei­se „de­mo­kra­ti­schen“ Struk­tu­ren, so dass ins­be­son­de­re pro­tes­tan­ti­sche Grup­pen, wo sie, wie in den USA zu den ers­ten ge­hör­ten, die po­li­ti­sche Ge­mein­we­sen auf­bau­ten, ihre quasi in­ne­re Bür­ger­lich­keit in die Po­li­tik über­tru­gen – ein Zu­sam­men­hang also, der dar­über hin­aus­geht, dass es sich bei den Ver­fas­sern der ame­ri­ka­ni­schen Un­ab­hän­gig­keits­er­klä­rung um gläu­bi­ge Pro­tes­tan­ten han­del­te sowie auch über die von Weber fest­ge­stell­te Kom­pa­ti­bi­li­tät von pro­tes­tan­ti­schen Glau­bens­in­hal­ten und ka­pi­ta­lis­ti­schen Im­pe­ra­ti­ven (Stich­wort: Ar­beits­ethos).
Darum ist ge­ra­de das be­son­de­re, po­si­ti­ve bür­ger­li­che Recht der Re­li­gi­ons­frei­heit – samt der ihm ver­bun­de­nen Idee re­li­giö­ser To­le­ranz – ge­nu­in pro­tes­tan­tisch. Im his­to­risch-po­li­ti­schen Ur­sprung war es ein Schutz­recht vor der ka­tho­li­schen Kir­che, war die To­le­ranz zu­vör­derst eine, die man kon­kur­rie­ren­den pro­tes­tan­ti­schen Sek­ten ge­währ­te. Auch wenn sich Re­li­gi­ons­frei­heit im bür­ger­li­chen Fort­gang immer wei­ter ver­all­ge­mei­ner­te, so hatte der Re­li­gi­onsbe­griff dabei selbst, also das, was über­haupt unter Re­li­gi­on zu ver­ste­hen war, stets eine pro­tes­tan­ti­sche Fär­bung: Re­li­gi­on als haupt­säch­lich Glau­be und in­ne­re Hal­tung, die sich nicht we­sent­lich in äu­ße­ren Hand­lun­gen voll­zieht, die mit bür­ger­li­chem Recht über­haupt kol­li­die­ren könn­ten. Und selbst von Ri­tu­al- und Ze­re­mo­nie-Re­li­gio­nen wie Ka­tho­li­zis­mus und Ju­den­tum konn­te an­ge­nom­men wer­den, dass Prak­ti­ken wie die Beich­te oder das Ein­hal­ten von Spei­se­ge­set­zen keine Her­aus­for­de­run­gen der welt­lich-bür­ger­li­chen Sou­ve­rä­ni­tät dar­stel­len. Das heißt: Pri­va­te Glau­bens­frei­heit, öf­fent­li­che Be­kennt­nis­frei­heit und pri­va­te wie öf­fent­li­che Re­li­gi­ons­aus­übungs­frei­heit sind ver­gleichs­wei­se un­pro­ble­ma­tisch in einem Pro­zess, der sich durch alle Wi­der­sprü­che und ge­sell­schaft­li­chen Kämp­fe hin­durch als Ver­bür­ger­li­chung der Re­li­gi­on oder Chris­tia­ni­sie­rung/Ju­da­i­sie­rung der Ge­sell­schaft be­schrei­ben lässt. (8) Darum hat es auch nie eine spe­zi­fisch re­li­gi­ös be­grün­de­te zur Pra­xis trei­ben­de jü­disch-christ­li­che Frau­en­ver­ach­tung ge­ge­ben, die im Namen der Re­li­gi­ons­frei­heit gegen die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft durch­ge­setzt wer­den soll­te. In re­le­van­ten Be­rei­chen war die alte Kir­che nicht pa­tri­ar­cha­ler als die Ge­samt­ge­sell­schaft, um­fass­te die spä­te­re Über­win­dung des Pa­tri­ar­chats mehr oder we­ni­ger träge und rei­bungs­voll letzt­end­lich auch die abend­län­di­schen Re­li­gio­nen.
Daher ist es schon mehr als merk­wür­dig, dass die An­ge­hö­ri­gen des Links­kar­tells dem is­la­mi­schen Pa­tri­ar­cha­lis­mus (der das alte abend­län­di­sche Pa­tri­ar­chat in den Schat­ten stellt), wo sie ihn nicht an­ti­ras­sis­tisch recht­fer­ti­gen, mit den abend­län­di­schen Be­grif­fen und Ideen von Re­li­gi­ons­frei­heit, Sä­ku­la­ris­mus und Lai­zi­tät be­geg­nen, und dass der ein­zi­ge ge­sell­schaft­lich wahr­nehm­ba­re bür­ger­li­che Wi­der­stand gegen die of­fen­kun­di­ge Is­la­mi­sie­rung von rechts for­mu­liert wird, wie auch die bes­ten Reden gegen den An­ti­se­mi­tis­mus sowie den Islam und für Is­ra­el im Deut­schen Bun­des­tag von Ver­tre­tern der AfD ge­hal­ten wer­den. (9) Das sowie in­ter­na­tio­nal der Wahl­er­folg und die Po­li­tik Trumps trei­ben denn auch die Links­an­ti­deut­schen unter den Freun­den Is­ra­els in eine haus­ge­mach­te Iden­ti­täts­kri­se, deren Haupt­sym­pto­me ihr hys­te­ri­sches En­ga­ge­ment gegen den „Rechts­po­pu­lis­mus“ und die de­nun­zia­to­risch ge­mein­te Eti­ket­tie­rung einer un­be­irrt Marx, Freud und Ador­no fol­gen­den und damit abend­län­di­schen Ideo­lo­gie­kri­tik als „rechts­an­ti­deutsch“ sind.
Gegen die­sen Irr­sinn bleibt fest­zu­hal­ten, dass sich ohne de­zi­diert po­si­ti­ven Bezug aufs eben jü­disch-christ­lich kon­no­tier­te Abend­land kein Be­griff von Bür­ger­lich­keit den Selbst­zer­stö­rungs­ten­den­zen der nach­bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft ent­ge­gen­set­zen lässt, ge­schwei­ge denn noch etwas ir­gend ver­nünf­tig Kom­mu­nis­ti­sches über­haupt nur in An­sät­zen ge­dacht wer­den könn­te. Wenn die laut der po­li­ti­schen Klas­se aus der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ori­en­ta­li­sie­rung des Abend­lan­des zu zie­hen­de Lehre darin be­ste­hen soll, ihre Wie­der­ho­lung im Zei­chen des Islam zu för­dern, dann ist es höchs­te Zeit, den Kreuz­zug zu füh­ren, der 1933 ver­säumt wurde.