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Unter Hochdruck

»Menschenfeinde« auf der Bühne des Saalbaus - Robert Meyer über Stück und Inszenierung für Neues Deutschland vom 05.12.2008:

Was macht einen Menschenfeind aus – ein pedantischer Blick auf grundsätzliche Fehleranfälligkeiten dieser Gattung? Im Saalbau Neukölln unter der Regie von Thomas Maul ähnelt Alceste, der »Menschenfeind« in Molières bekanntem Stück, einem Getriebenen, der nicht anders kann, als immer wieder Gegenwind zu erzeugen.

In Mauls Inszenierung klagt Alceste (Thorsten Junge) die Heuchelei an und sagt meist unverblümt, was er von dem einen oder anderen hält. Das Echo ist naturgemäß nicht immer freundlich. Vernarrt ist Alceste in die von vielen begehrte Célimène (Christina Hagenah), die ihn auf Distanz hält, aber zugleich mit ihrer Sucht nach positiver öffentlicher Anerkennung Alcestes lebensnotwendigen Gegenpart bildet. So scharf der Menschenfeind die Schwächen seiner Mitmenschen ans Licht zerrt, so vorsichtig übt er Kritik am Treiben seiner Geliebten, selbst dann, wenn er vor Eifersucht explodiert.

Besonders an Célimène macht Regisseur Maul das heute stark verbreitete Bedürfnis nach medialer Aufmerksamkeit deutlich, die, so die These der Regisseurs, für nicht wenige die Funktion hat, sich ihrer Existenz zu versichern. Auf der Bühne wird sich dem Stück fast klassisch angenähert – Alceste allerdings ist hier ein Produzent für Musikstücke, der es mit seiner Art niemanden leicht macht. Die Handlung auf der Bühne lebt von den sprachlich geschliffenen und gut dargebrachten Dialogen.

Alceste aber lässt sich nicht nur als Menschenfeind betrachten, sondern auch als Opfer der menschlichen Tendenz, das, was als hinderlich oder falsch empfunden wird, allzu schnell in eine Negativ-Kategorie zu stecken. Genau das kann Alceste auch sympathisch machen: Er ist zwar Gefangener seines Hanges, den Ankläger zu spielen gegen die eine oder andere Eigenschaft, die Menschen anhaftet – er praktiziert damit aber nur in überspitzter Form das, was andere vielleicht etwas subtiler und systematischer machen – den augenblicklichen Interessen eine Gestalt geben. So lässt sich auch »Menschenfeinde« mit einem Weihnachtsgedanken verbinden: Toleranz ist immer ein Gebot der Stunde.

5., 6., 19., 20. 12., 20 Uhr, 7. und 14. 12., 17 Uhr, Saalbau Neukölln