Freitag, 22. Juni 2018

Sophia L. oder: politisch korrektes Victim Blaming

Der Zustand einer Gesellschaft, in der verdammungswürdiger Rassismus den Angehörigen und Freunden eines Opfers als Ausrede dient, das Opfer für eine Kampagne zu instrumentalisieren, der es gegen jede Realität um die Aufrechterhaltung und Verbreitung antirassistischer Lebenslügen geht, wird die Kritik wohl noch eine Weile beschäftigen.

„Was auch immer mit Sophia passiert ist, es ist definitiv nicht das Resultat zwischen der anscheinenden Andersartigkeit von Kulturen.“


Das kann man „definitiv“ vor dem Abschluss polizeilicher Ermittlungen zum individuellen Fall ja nur deshalb wissen, weil man den kulturellen Hintergrund als tatrelevant eben generell auch für die zahlreichen erwiesenermaßen von Muslimen und Afrikanern bedrängten, vergewaltigten und ermordeten Frauen leugnet, eine gewisse Form von Victim Blaming und Täterschutz also längst zur zweiten Natur der ideologisch Verblendeten geworden ist.

Sophia L.
via Facebook
Wer völlig zurecht das Trampen als Teil des Selbstbestimmungsrechts der Frau und die Unvoreingenommenheit, unabhängig von der „kulturellen Herkunft“ eines Mannes in seinen Wagen zu steigen, als sympathische Charaktereigenschaft verteidigen will, gleichzeitig aber ausblendet, dass dies eben nur in jener offenen und bürgerlichen Gesellschaft ohne Gefahr für Leib und Leben möglich ist, die von einer verfehlten Integrations- und Migrationspolitik sukzessive um ihre Substanz gebracht wird, verrät eben genau das, um das es ihm angeblich zu tun ist – auch dann, wenn das Opfer dieselben Illusionen geteilt haben mag...

Es ist nicht nur beides zugleich einfach bloß sachlich falsch und im konkreten Fall zum konkreten Zeitpunkt pietätlos: das linke „Umschiffen“ und Leugnen von Sachverhalten und deren rechte Benennung mit rassistischen Untertönen – indem sich das eine aus dem anderen legitimiert, wird eine Eskalationslogik in Gang gesetzt, in deren Folge die Gesellschaft auf vernünftig aufhaltbare Verschlechterungen der Verhältnisse immer fatalistischer und paralysierter reagiert.

Hält man es gegen diese Gesamtentwicklung politisch für aussichtsreicher, den Linken mit allen polemischen Mitteln die Augen für die Realität zu öffnen als den Rassisten ihren Rassismus auszureden, trägt einem das seitens der Ertappten inzwischen recht zwanghaft den Vorwurf ein, ein AfD-Fanboy oder mindestens halber Querfrontler zu sein.

Das hat auf sich zu nehmen, wer sich nicht mitschuldig machen will an den bisherigen und künftigen Opfern einer Willkommenskultur gegenüber Tätern, deren mitgebrachter Frauenhass nicht einmal in der finstersten Vergangenheit der christlich-abendländischen Kultur eine Entsprechung hat, ihr daher fremd ist und unbedingt fremd zu bleiben hätte.

Unter keinen Umständen zu beugen, hat man sich Leuten, die Gaulands Relativierung der "historischen Bedeutung von Auschwitz“ in ritualisierter Empörung skandalisieren und dabei am viel größeren Skandal teilhaben: aus der „historischen Bedeutung von Auschwitz“ die moralische Verpflichtung abzuleiten, Juden, Frauen und Schwule dem islamischen Mob auszuliefern, und sich nach den entsprechenden Taten zu den Motiven auszuschweigen und die Opfer still und leise zu verscharren, weil man andernfalls ja „den Rechten“ zuarbeiten könnte.

Womöglich darf man sich auch nicht zu fein sein, die Kritik an diesen Verhaltensmustern zu wiederholen - jedenfalls hieß es, als ein Beispiel, in einem Text, der 2017 ein gutes halbes Jahr vor der Bundestagswahl erschienen ist und den „Umgang“ mit sexuell übergriffigen Flüchtlingen zum Gegenstand hatte, bereits (auszugsweise zitiert):

Strategie gegen rechts: Sachverhalte umschiffen

Na­tür­lich be­zeich­nen die Lin­ken das, was sie tun, nicht als vor­sätz­li­ches Be­schwei­gen und Lügen, und den­noch be­ken­nen sie sich offen zum „zweck­dien­li­chen ver­ba­len Um­schif­fen von Sach­ver­hal­ten“, ohne dass sich ir­gend­wer an die­ser kon­sen­sua­len For­mel, an der das Team des selbst­ver­wal­te­ten Ju­gend­kul­tur­zen­trums wo­chen­lang ge­feilt hat, ge­sto­ßen hätte: „Uns zur Pro­blem­la­ge so ex­pli­zit zu äu­ßern, fällt uns schwer, da wir nicht in die ras­sis­ti­sche Kerbe von AfD und CDU/CSU schla­gen wol­len. Die Si­tua­ti­on ist je­doch der­art an­ge­spannt und be­las­tend für viele Be­trof­fe­ne und auch für die Be­trei­ber_in­nen des Conne Is­lands, dass ein ver­ba­les Um­schif­fen des Sach­ver­halts nicht mehr zweck­dien­lich scheint.“

Nicht mehr zweck­dien­lich… – Mit der in reins­tem Bü­ro­kra­ten­deutsch vor­ge­tra­ge­nen An­kün­di­gung, erst dann mit dem Lügen auf­hö­ren zu wol­len, wenn die Frau­en nicht mehr kom­men und damit der ganze Laden als ho­mo­pho­bes und mi­so­gy­nes Män­ner­zen­trum auf­zu­flie­gen droht, er­weist sich die Linke bei allem Ab­gren­zungs­ge­tue wie­der ein­mal als Avant­gar­de des Team Mer­kel. Denn nur, weil die­sem Team auch nach dem Ber­li­ner Ter­ror­an­schlag das Was­ser of­fen­bar noch nicht am Halse steht wie lin­ken Par­ty-Aus­rich­tern, er­scheint ein ver­ba­les Um­schif­fen des Zu­sam­men­hangs von is­la­mis­ti­schem Sui­zid- und Tu­gend­ter­ror (zu dem ex­trem über­grif­fi­ges Ver­hal­ten ge­hört) hie und all­täg­li­chem is­la­mi­schem Pa­tri­ar­cha­lis­mus bzw. sei­ner Krise da wei­ter­hin zweck­dien­lich. Die eta­blier­ten Par­tei­en, die Me­di­en, die Links­ra­di­ka­len und selbst nicht we­ni­ge An­ti­deut­sche sind sich also prin­zi­pi­ell darin einig, dass man die AfD und an­de­re Rechts­po­pu­lis­ten am bes­ten mit einer post­fak­ti­schen ver­ba­len Um­schif­fung von Sach­ver­hal­ten be­kämpft, wäh­rend ge­ra­de diese Stra­te­gie die AfD erst po­pu­lär ge­macht hat und deren Pro­pa­gan­da gegen die Lü­gen­pres­se mit immer neuen Fak­ten ver­sorgt.

Wer sol­che Fein­de hat, braucht keine Freun­de. So kön­nen sich die Rechts­po­pu­lis­ten ent­spannt zu­rück­leh­nen und den Kon­ser­va­ti­ven, Links­li­be­ra­len und -ra­di­ka­len dabei zu­se­hen, wie diese sie über or­di­nä­re Aus­län­der­fein­de hin­aus zur po­li­ti­schen Al­ter­na­ti­ve für Wäh­ler­grup­pen ma­chen, die frü­her nur die Par­tei­en der lin­ken Mitte ge­wählt haben. Unter ihnen sind ge­ra­de auch jene, die zu­neh­mend von ganz be­stimm­ten Män­ner­grup­pen be­droht wer­den und das herr­schen­de ver­ba­le Um­schif­fen die­ses Sach­ver­halts nicht als zweck­dien­lich, son­dern als Po­ten­zie­rung ihrer per­sön­li­chen Be­las­tung emp­fin­den: Frau­en, Juden, Schwu­le, Trans­gen­der und sä­ku­la­re „Mos­lems“.

(aus: Thomas Maul, Wo sind all die Mädchen hin? Über das „verbale Umschiffen von Sachverhalten“ durch linke Clubbetreiber, in: Bahamas, Nr. 75/2017)