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Ein Safe Space für Bockenheim (TiP)

Das Referat für politische Bildung im AStA der Universität Frankfurt hat der Gruppe Thunder in Paradise (TiP) das unmoralische Angebot unterbreitet, sich an einem würdelosen Kasperletheater zur Befriedung jenes Frankfurter Milieus zu beteiligen, das sich selbst als irgendwie antideutsch, israelsolidarisch und ideologiekritisch versteht und von Hochschulgruppen-Bürokraten über die Jungle World-Gemeinde bis hin zu Titanic- und PARTEI-Spaßvögeln reicht. Diese allem Anschein nach tatsächlich ernst gemeinte Offerte wird hiermit ausgeschlagen und nicht zuletzt deshalb im Folgenden öffentlich gemacht, weil sie schon der eigenen Klientel gegenüber von einer schwer zu überbietenden Verlogenheit ist.
 
Aber der Reihe nach: Den Unfrieden stiftete ein in der Zeitschrift Bahamas Anfang März erschienener Artikel von David Schneider und Thomas Maul, der sich kritisch mit der #MeToo-Kampagne auseinandersetzt und dabei auf 3 von 27 Textspalten Beiträge der Frankfurter Autorin Veronika Kracher als Material heranzieht, um beispielhaft darzulegen, wie hässlich es wird, wenn narzisstische Selbstpathologisierungen und paranoide Feinderklärungen als feministische Gesellschafts- und Ideologiekritik ausgegeben werden (1).
 
Die Kritisierte reagierte darauf in einer Weise, die nicht nur jeden gegen sie erhobenen Vorwurf bestätigte, sondern die schlimmsten Erwartungen noch übertraf. Auf ihrem öffentlichen Facebook-Profil erpresste sie zahlreiche Solidaritätsbekundungen mit der Drohung, »am Rande eines Nervenzusammenbruchs« zu sein (2). In einer Art Co-Abhängigkeit sprang der virtuelle Freundeskreis ihr bei und überhäufte das schmelzende Schneeflöckchen mit den Social Media-Surrogaten von Taschentüchern und heißer Schokolade. Dabei war ihnen kein Klischee der Realitätsabwehr zu peinlich – ob es der Kindergartenzeit entstammte (›Die sind doch nur neidisch!‹ (3)) oder der Pubertät (»ungebumste Existenzen« (4)). Keine Lüge über den Inhalt des Artikels war zu abwegig, keine Diffamierung seiner Autoren zu abstrus, um nicht im Kommentarbereich von Krachers Facebook-Auftritt zu landen und entsprechende Dankes-Herzchen der beleidigten Betreiberin einzustreichen. Ein besonders erregter Freund des Feminismus fantasierte gar darüber, dass die zwei Autoren »aus purer Misogynie« homosexuell seien und demnächst den »Schwulismus« propagieren würden – und brachte es damit zum Top-Kommentar mit den meisten Likes (5). Kaum eine Szenegestalt, die von dieser mittleren Massenregression nicht in ihren Bann gezogen wurde: ob pseudonym aktive Facebook-Trolls wie Arthur Harris, Jungle World- und Konkret-Autoren wie Bernhard Torsch und Floris Biskamp oder ansonsten schmerzfreie Großsatiriker wie Tim Wolff und Leo Fischer. Sie alle traten an, um sich das Zertifikat »korrekter Genosse« abzuholen. Auf dem Höhepunkt dieser öffentlichen Therapiesitzung führte man sich auf, als hätten die Bahamas-Autoren Veronika Kracher – »Ich habe mich schmutzig gefühlt« (6) – irgendetwas angetan, das über die kritische Erwähnung in einem Text weit hinausgeht: So wurde ungehemmt über Gewalthandlungen gegen die Autoren sinniert oder einem Diskutanten, der zur Besonnenheit aufrief, empfohlen, einen Therapeuten für rückfallgefährdete Sexualstraftäter aufzusuchen (7).
 
Für jeden halbwegs distanzierten Betrachter gaben diese Vorgänge, die en detail auf Krachers öffentlicher Facebook-Seite nachzulesen sind bzw. waren, ungewollt dem Inhalt des inkriminierten Textes Recht, dem gleichzeitig eine übermäßige »Härte« und »Kälte« unterstellt wird. Was im Gegensatz hierzu Solidarität bedeute, davon haben die vermeintlichen Freunde und Sympathisanten Krachers eine besonders perfide Auffassung: Sie bestärken Kracher weiter darin, Details ihrer persönlichen Misere vor Publikum auszubreiten (natürlich auch, um diese weiter konsumieren zu können), anstatt das einzig Vernünftige zu tun: ihr dringend davon abzuraten, in Momenten der Verzweiflung Intimstes derart öffentlich preiszugeben. In der Kritik hingegen sind eine gewisse Härte und Kälte nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich geboten, wenn sich hinter dem Ruf nach »Zartheit« und »Wärme« nur das Bedürfnis verschanzt, von Reaktionen jenseits der eigenen Bubble verschont zu bleiben, und die öffentlich zelebrierte Unfähigkeit zur Selbstreflexion in ein legitimes Schutzbedürfnis gegen Kritiker umgelogen wird. Die sich darin aussprechende Entmündigung der Kritisierten ist die eigentliche Brutalität gegen den Geist und bedeutet die Opferung von wirklicher Empathie.
 
Probleme bekommt, wer einerseits an diesem Anspruch auf unversöhnliche Gesellschafts- und Ideologiekritik festhalten möchte, sich aber andererseits – aus welchen Gründen auch immer – zur Solidarität mit Veronika Kracher verpflichtet fühlt, die keine Kritik an ihren Manifestationen zulassen will. In diesem Dilemma muss wohl auch das Referat für politische Bildung samt der in ihm vertretenen Linken Liste (LiLi) gesteckt haben, zu deren »Genossinnen« auch Veronika Kracher zählt. Nicht nur haben sie in der Vergangenheit Veranstaltungen mit David Schneider und Thomas Maul im Frankfurter Studenten-Café KoZ unterstützt; zudem fiel die Kracher-Krise mitten in die konkrete Planungsphase einer Veranstaltungsreihe von uns zum Thema »Die mobilisierte Gesellschaft und ihre Verlierer«, für die sie bereits finanzielle Unterstützung zugesagt hatten und in deren Rahmen auch ein Vortrag von David Schneider zum Thema »Gesundheitswahn und Todesaffirmation« stattfinden sollte.
 
Am 6. März publizierte die Linke Liste (LiLi) eine Distanzierung (8) von David Schneider und Thomas Maul, die ihnen im Gestus eines Oberlehrers im Fach »Adorno-hat-gesagt« ein schlechtes Zeugnis ausstellt: Ihr Text sei ein »Versuch«, an dem anfangs zwar dies und jenes noch »löblich« und »geboten« sei, der dann aber zunehmend »unredlich« und »reaktionär« werde, um schließlich mittels »patriarchaler Rhetorik« in »frauenfeindlicher Hetze« und »Raserei« zu kulminieren, was für sich schon unfreiwillig komisch anmutet, vergleicht man die Reaktionen auf den Text mit dem, was tatsächlich in ihm steht. Nicht zuletzt deshalb verzichtet man auf eine am Text orientierte Begründung der floskelhaft daherkommenden Einwände. Mit der Behauptung, Schneider und Maul hätten die Frage vermieden, »ob bspw. zwischen dem bürgerlichen Recht und dem moralisch imprägnierten Mob eine Beziehung bestehen könnte«, beweist die Linke Liste vielmehr, dass sie den Text, dessen erster Teil exakt diese Beziehung im Rahmen einer immanenten Kritik der sexualstrafrechtlichen Vorstöße von Opferschützern behandelt, nicht einmal richtig gelesen haben – ebenso wenig wie Veronika Kracher höchstselbst, die noch am 7. März auf Facebook betroffen erklärte, sie habe die Passagen, in denen sie »zerrissen« [sic!] werde, nicht lesen »können« (9). Offenkundig ist bei den Verfassern des LiLi-Texts von der Lektüre der Dialektik der Aufklärung nicht viel mehr hängen geblieben, als dass irgendwie alles mit allem zusammenhängen muss. Sie werden daher auch den Zusammenhang zwischen ihrer Norbert Blüm-mäßigen Klage über die »kapitalistische Ideologie der Kälte« und dem Nestwärmebedürfnis linker Studenten nur schwerlich bestreiten können.
 
Parallel zu ihrer öffentlichen Stellungnahme versuchte uns die Linke Liste – hinter den Kulissen und mit Blick auf die geplanten Vortragsveranstaltungen – zu einer Distanzierung von Schneider zu bewegen. Vergeblich. Daraufhin nahm das Referat für politische Bildung »eine kleine Korrektur« an seinem Angebot zur Unterstützung unserer Veranstaltungsreihe vor: Da der Vortrag von Schneider »nach dem Erscheinen des politisch untragbaren Texts« unerwünscht sei, könnten zwar die anderen Veranstaltungen wie geplant im KoZ stattfinden, aber nur sofern sein Vortrag sang- und klanglos von der Reihe separiert würde.
 
Auch das Referat für politische Bildung blieb bisher eine konkrete Begründung für die »kleine Korrektur« ihres Angebots schuldig, wobei sich jede auch nur denkbare Begründung des Auftrittsverbots für David Schneider, der wohlgemerkt zu einem völlig anderen Thema referiert hätte, schon allein an der Referentenliste sonstiger KoZ-Veranstaltungen blamieren würde. Ihre rein personenbezogene Deeskalationsstrategie unter der offenkundigen Vorgabe, einerseits die durch den Bahamas-Artikel getriggerte Kracher und ihre Unterstützer ruhigzustellen und andererseits trotzdem noch in den Genuss »kontroverser« Vorträge von Leuten zu kommen, die die in der Bahamas formulierte Kritik in Form und Inhalt teilen, zeigt, worum es wirklich geht: um vorauseilende Rücksichtnahme gegenüber einer kritikunfähigen Genossin, die um ihres Seelenfriedens willen in Watte gepackt werden müsse – und nicht um inhaltlich begründete Scheidelinien. Das allerdings ist ebenjener Kracher gegenüber nichts als eine herablassende Ersatzhandlung, weil es die pathologischen Momente solchen Schutzbedürfnisses kritiklos eingesteht. Der klägliche Versuch, diesem Manöver auch noch den Anstrich politisch und sachlich begründeter »Solidarität mit unserer Genossin« – gar praktischer und irgendwie feministischer Ideologiekritik – zu verpassen, ist so durchsichtig, dass uns bis heute schleierhaft ist, wie das Referat für politische Bildung auch nur in Erwägung ziehen konnte, TiP würde bei der Verwandlung des KoZ in einen Safe Space mitmachen.
 
Die hiermit also vorerst abgesagte Veranstaltungsreihe wird bei Gelegenheit andernorts nachzuholen sein.
 
Thunder in Paradise, 25. März 2018
https://www.facebook.com/notes/thunder-in-paradise/ein-safe-space-f%C3%BCr-bockenheim/2088544501421581/
 
(7) Ebd., Kommentarbereich sowie https://www.facebook.com/v.kracher/posts/2058417194200012, Kommentarbereich